Raus aus der Wutfalle!

Oh, die Wutfalle! Sie packt jeden von uns hin und wieder auf ihre ganz eigene Art und Weise.

Wut

Jeder hat seine eigene Wutfalle. Meine sah in der Vergangenheit folgender Maßen aus:
Entweder habe ich die Wut schön beiseite geschoben, da ich der Meinung war, es bringe ja eh nichts wütend zu sein, da sich dadurch an meiner misslichen Situation nichts ändern würde.
Oder ich habe mich von der Wut völlig übermannen lassen und mich gefühlte Ewigkeiten geärgert, ohne dass sich wirklich irgendwas verändert hat.

Doch war eines immer klar: Wütend zu sein ist unangenehm und fühlt sich einfach schlecht an. Trotzdem ist Wut ein Teil unseres Gefühlsspektrums und hat die gleiche Daseinsberechtigung wie Freude oder Spaß. Wenn wir diesen Teil unseres Gefühlsspektrums stumm schalten oder betäuben, dann wirkt sich das leider auch auf die schönen Gefühle aus, die wir dadurch auch nicht so intensiv wahrnehmen können. Um langfristig gesehen ein ausgeglichener Mensch zu sein, führt also leider kein Weg daran vorbei, die Wut zuzulassen und zu spüren.

Bis vor einigen Wochen war ich jedoch der Meinung, dass ich das doch eigentlich schon ganz gut hinkriegen würde. Ich war mir gar nicht so bewusst, dass ich die Wut in vielen, v.a. kleinen und alltäglichen Situationen beiseite geschoben hatte, denn initial war sie ja schon spürbar. Und dann gab es ja immer noch die Momente, in denen mich die Wut völlig übermannt hatte. Doch genau diese Momente waren es, die mich oft völlig irritiert hatten, da ich von der Wucht meiner Wut total überrascht war.
In den Gesprächen mit meiner Therapeutin konnte ich nach und nach besser durchschauen, dass sich bei mir immer wieder einiges an ungefühlter Wut angestaut hatte, was mich dann zu explodieren brachte. Es sind diese alltäglichen Ärgernisse – jemand hat was vergessen, etwas ist kaputtgegangen, ein Treffen wurde abgesagt –, bei denen ich nicht sehen konnte, warum es sich überhaupt lohnen sollte, wütend zu sein. An der auslösenden Situation hat das ja meistens nichts verändert. Doch genau da ist der Haken: Wut will zunächst einmal nichts bezwecken. Trotzdem hatte ich immer das Gefühl, dass ich eine Art Belohnung oder Wiedergutmachung verdient hätte, wenn ich wütend war. Ganz schlimm war das natürlich, wenn andere der Auslöser für meine Wut waren. Das Gefühl der Machtlosigkeit, wenn andere was vermasseln und ich mich dann mit meiner Wut rumschlagen musste, war noch schlimmer als die Wut selber. Und immer wieder waren diese Stimmen im Kopf: “Stell dich nicht so an.” “Mach nicht so ein Drama daraus.” “Kannst doch jetzt eh nix dran ändern.”

Doch kann ich wirklich nichts ändern, wenn ich wütend bin? Vielleicht nicht an der vergangen Situation, die die Wut ausgelöst hat. Aber ich kann verändern, wie ich mit der Wut umgehe.
Ich bin in den letzten Wochen viel sensibler dafür geworden, wenn ich mich Dinge wütend gemacht haben. Das war zuerst ganz schön anstrengend, da ich auf einmal viel öfter Wut bewusst empfunden habe. Ich habe auch gemerkt, dass es oft einfach nichts gibt, was man dagegen machen kann. Man kann aber trotzdem weitermachen und muss nicht komplett in der Wut aufgehen und in ihr verharren.

Gerade gestern war ich mal wieder so richtig wütend. Wer mir auf Twitter/Facebook folgt, der hat vielleicht folgende Einträge gesehen:

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Irgendwie kam es gestern dazu, dass die Nachmittagskurse, die ich übernehmen sollte, doppelt besetzt waren. Obwohl ich die erste war, die für die Kurse zugesagt hatte, habe ich leider den Kürzeren gezogen, da der Kursbereichsleiter mich nicht wie versprochen in die Liste eingetragen hatte. Das hat aber eine andere Trainerin für sich gemacht, sodass ich nicht nachweisen konnte, dass ich schon vor ihr für die Kurse eingeplant war. Ich habe mich dann auch gar nicht auf lange Diskussion eingelassen, habe ihr die Kurse überlassen und bin wieder gegangen.
Bin ich wütend abgerauscht? Klar! Aber was ist daran so schlimm? Für mich war die Situation einfach total ärgerlich. Das habe ich dem Kursbereichsleiter auch mitgeteilt. Und auf Twitter/Facebook. Und auch meinem Schatz (er musste als Dampfablasser herhalten). Auch wenn ich wusste, dass ich die Kurse nicht machen konnte, habe ich die Wut zugelassen. Ich musste mir natürlich auch meine Mitschuld an der Situation eigestehen, denn ich hätte selber nochmal nachschauen können, ob ich auch wirklich eingetragen war. Und dann war der entscheidende Schritt, zu entscheiden, wie der Nachmittag weitergehen sollte. Ich hätte zuhause sitzen bleiben und in der Wut versinken können, so wie ich es früher oft getan habe. Stattdessen habe ich geschaut, welche neuen Möglichkeiten sich durch die veränderte Situation ergeben haben, z.B. laufen zu gehen, mich mit einem Buch auf den Balkon in die Sonne zu setzen oder was zu backen. Für die letzten zwei genannten Alternativen hatte ich aber noch viel zu viel Wutenergie im Körper, sodass ich mich fürs Laufen entschieden hatte. Die Wut war natürlich noch da, aber sie wurde im Lauf der Zeit weniger, bis sie irgendwann verflogen war.
Diese Energie, welche die Wut oft mit sich bringt, ist manchmal echt gigantisch und nicht ohne Grund da. Die Wut kommt ja oft in den Situationen auf, wenn etwas nicht nach Plan bzw. anders läuft als gedacht. Ich glaube, wir brauchen dann genau diese Energie, damit wir trotz der Wut, die wir spüren, weitermachen, uns für neue Möglichkeiten öffnen und bereit sind, die ursprüngliche Richtung zu ändern.

Ich habe mir in letzter Zeit oft selber gesagt, dass es ok ist, wütend zu sein – aber auch, dass es ok ist, wenn andere wütend sind. Es gibt auch nichts schön zu reden: Wütend zu sein ist einfach bescheiden. Doch frisst mich die Wut nicht auf, wenn ich sie zulassen. Sie kommt und geht auch wieder – auch wenn mir das mit dem Gehen manchmal leider nicht schnell genug geht.

Wie geht ihr mit Wut um? Schafft ihr es, sie immer zuzulassen? Was habt ihr aus den Situationen, in denen ihr so richtig wütend ward, gelernt?

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1 Comment

  • Also ich kann "leider" keine Gefühle verbergen. Ich bin sehr emotional. Ich freue mich sehr für andere, ich freue mich sehr für mich und zeige das auch. Aber ich zeige auch sehr, wenn mir etwas nicht passt (wenn es wirklich nicht passt). Also reinfressen ist da eher weniger. Wenn ich das von dir so lese, eher zum Glück. Manchmal übertreibe ich aber auch und das ist natürlich auch doof. Am Meisten ärgere ich mich, wenn mir Freunde einfach absagen ohne richtigen Grund. Ich meine, jeder weiß, dass ich viel unterwegs bin und mir die Zeit freihalte für Personen und diese dann nicht wert schätzen…da koche ich schon fast. Bei anderen Dingen, die für mich kleinlich erscheinen zeige ich keine Wut..bringt nix und berührt mich auch nicht. Aber grundsätzlich bin ich schon sehr emotional in alle Richtungen.

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