Die Stunde Null – ein Jahr später

Es gibt Ereignisse im Leben, die zu einer persönlichen neuen Zeitrechnung führen. Eine Stunde Null, von der ab alles anders ist und man sein Leben in “Alles, was davor geschah.” und “Das, was seitdem passiert ist.” einteilt.

Meine Stunde Null war vor einem Jahr.

Vor einem Jahr war nicht nur meine bisherige berufliche Karriere vorbei, es war auch der Moment, als ich – nachdem ich alle oberflächlichen und einfach zugänglichen Schichten abgetragen hatte – erkennen musste, dass es mir wirklich schlecht ging, ich diesbezüglich niemandem mehr etwas vormachen konnte und ich Hilfe brauchte. Es war der Moment, in dem ich das Ausmaß meines Burn-Outs, meiner Erschöpfungsdepression mit voller Wucht zu spüren bekam. Und es hat mir Angst gemacht.

In den letzten zwei, drei Wochen habe ich oft an diese Zeit vor einem Jahr gedacht, doch gestern hat mich die Erinnerung daran völlig überrannt. Ich war erschöpft, müde und traurig. Erschöpft, weil ich das letzte Jahr auf einmal als wahnsinnig anstrengend empfunden habe. Müde, weil ich die letzten Wochen wieder schlecht und unerholsam geschlafen habe. Traurig – ja, warum war ich eigentlich so traurig? Denn eigentlich sehe ich diese Zeit vor einem Jahr als Befreiungsschlag an, denn es ist der Beginn meiner Genesung, auch wenn es mir zunächst durch die Depression erst mal schlechter ging.
Die Traurigkeit war zum einen wie ein Echo von damals, das Erkennen und Eingestehen, wie schlecht es mir wirklich ging. Zum anderen ist damit aber auch das Gefühl von Abschied verbunden, so als ob ich jetzt langsam bereit bin, mich von der Geschichte zu verabschieden, die ich in den letzten Monaten über mich erzählt habe: “Ich arbeite erst seit kurzem als Fitnesstrainerin. Eigentlich komme ich aus einer ganz anderen Branche, denn ich habe sechs Jahre als IT-Beraterin gearbeitet, davor Wirtschaftsinformatik studiert und sogar einen Master-Abschluss gemacht. Aber das war auf Dauer nichts für mich.” So in der Art antworte ich, wenn man mich fragt, seit wann ich denn schon als Trainerin arbeite. Ich habe mittlerweile das Gefühl, als ob ich mich mit dieser kleinen Lebensgeschichte rechtfertigen möchte, zeigen möchte, dass ich in meinem Leben schon was geleistet habe. Und jetzt möchte ich diese Geschichte einfach nicht mehr über mich erzählen! Es zählt das, was ich jetzt mache, und nicht das, was einmal war.

Mit dem Beginn des Septembers ist aber noch etwas anderes geschehen: Ich kann nicht mehr sagen “Oh, vor einem Jahr, da war noch alles anders! Da war ich noch voll in meinem Hamsterrad gefangen!” Nein, ich kann jetzt sagen “Vor einem Jahr habe ich mich auf den wahren Weg zu mir gemacht und ich bin schon ein gutes Stück vorangekommen.” Deswegen ist es für mich der Beginn meiner eigenen neuen Zeitrechnung. Es ist wie ein zusätzlicher Geburtstag. Auch wenn ich gestern eher mit den negativen Gefühlen zu kämpfen hatte, so war mir trotzdem bewusst, dass seitdem nur Gutes passiert ist: Ich habe das Glück, eine ganz tolle Hausärztin an meiner Seite zu haben, die mich damals von ärztlicher Seite aufgefangen und mich auf dem Weg zum Klinikaufenthalt begleitet hat. In der Klinik begann nicht nur meine Therapie, ich habe dort wunderbare Menschen – Therapeuten, Pflegepersonal und Mitpatienten – kennengelernt, die mir dabei geholfen haben, in mein Innerstes zu blicken. Die Beziehung zu meinen Eltern wurde auf ein neues Fundament gestellt und diese Veränderung war nicht einfach, aber notwendig und gut, damit ich mich weiterentwickeln konnte. Ich habe eine tolle Therapeutin gefunden, bei der ich nach der Klinik mit der ambulanten Therapie beginnen konnte und die mir dabei hilft, die Dinge in meinem Innersten anzuschauen, an die ich mich nicht heranwage. Ich habe eine neue berufliche Richtung eingeschlagen und eine Arbeit gefunden, die mir Spaß macht und auf die ich mich sogar nach dem Urlaub wieder gefreut habe. Und dann ist da noch der Mensch an meiner Seite, der mich seit über zehn Jahren begleitet, der da war, als es am schlimmsten war, und mir Sicherheit auf meiner Reise ins Ungewisse gibt. Ich bin immer noch total erstaunt, wie sich die Beziehung zu meinem Mann in dieser Zeit mitentwickelt hat und dass sie noch fester wurde. In Summe würde ich sagen, dass das letzte Jahr richtig toll war!

Das soll aber nicht heißen, dass alles Friede, Freude, Eierkuchen ist. So Tage wie gestern gehören einfach dazu. Ich sehne mich ab und an auch nach alten und bekannten Verhaltensweisen, v.a. an Tagen, an denen sich das Neue besonders fremd anfühlt. Aber ich weiß, dass es dorthin kein Zurück mehr gibt. Ich fühle mich manchmal wieder wie ein Kind, weil es mir so vorkommt, als müsste ich vieles neu erlernen – und das kann ganz schön nerven. Genauso nervt mich an einigen Tagen auch der Weg zur Therapie, doch kann ich das da dann einfach zum Thema machen.

Ich kann jetzt sagen, dass ich vor einem Jahr krank war. Das fiel mir lange schwer, da ich es als unglaublich hart und bewertend empfand. Ich bin jetzt zwar rein von der Symptomatik wieder gesund, aber es ist noch Arbeit an Ursachen und daher Therapie notwendig. Denn eines ist klar: Ich möchte um alles in der Welt vermeiden, dass es mir wieder so geht wie vor einem Jahr, und ich möchte Zufriedenheit wirklich zulassen können. Da habe ich noch ein Stück Weg vor mir und ich freue mich darauf, ihn zu gehen.

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10 Comments

  • Das hört sich doch schon gut an! Und ich bin froh, dass es Dir im Vergleich zu vor einem Jahr wieder gut geht und Du Deinen Weg gefunden hast! Ich wünsche Dir alles Gute für die kommenden Monate und Jahre und bin mir sicher, dass Du Deinen Weg gehst! Alles Liebe!

  • Ich kenne das zu gut und kann Deine Geschichte sehr gut nachvollziehen. Bei mir ist es jetzt drei Jahre her, ich habe mein Leben auch radikal geändert, beruflich, etc. Und ich kann nur sagen: es lohnt sich! Heute geht es mir super, ich bin zufrieden, ausgeglichen…. Ganz, ganz selten kommen manchmal noch alte Gefühle hoch, aber das legt sich schnell wieder… Was ich eigentlich sagen wollte: Bleib dran, es wird immer besser 🙂

  • ..bei mir ist jetzt gerade die Stunde null, und eigentlich dauert sie schon viel zu lange. Kümmere mich schon um einen Klinikplatz, wird aber wohl noch etwas dauern. Freut mich das es dir besser geht 🙂 lg

  • Liebe Kora,
    für mich war der wichtigste Schritt zu erkennen, dass ich da nicht alleine durch muss. Hilfe von außen in Anspruch zu nehmen bzw. mich um weiterführende Hilfe zu kümmern, war zwar nicht einfach, aber anders hätte ich es nicht geschafft.
    Ich hoffe, du hast Menschen um dich, die dich unterstützen.
    Ich wünsch dir alles Gute auf deinem Weg!

    Alles Liebe
    Julia

  • Ich bin gerade erst am Anfang, bin seit 2 Monaten daheim nach dem Eingeständnis… habe auch schon einiges verarbeiten können, gemeinsam mit einer Therapeutin, ich nehme auch endlich Hilfe an und erkenne, das die Ursachen von allem ganz woanders liegen als ich sie erwartet hätte… ich hoffe ich kann in einem Jahr auch so positiv zurück schauen wie du!!!
    Alles Liebe weiterhin,
    Ulli

  • Ich wüsste jetzt gerne etwas kluges, tolles, das ich hierzu sagen könnte. Aber mir fällt nur ein, dass ich Dich total bewundere – diese Ehrlichkeit, die Offenheit mit uns und auch den Weg, den Du eingeschlagen hast. Und dass ich es sehr spannend fand, etwas mehr darüber zu lesen, woher Du kamst?
    Liebe Grüsse
    Ariana

  • Meine liebe Ulli,
    ich war gerade zunächst etwas geschockt, als ich deinen Kommentar gelesen habe, und dachte "Mensch, du auch?" Aber das ist gleich wieder verflogen, weil ich weiß, dass es jeden treffen kann und dass es der Anfang von etwas tollem sein kann – wenn man bereit ist, es so zu sehen.
    Wenn du weiter dran bleibst, dann wirst du in einem Jahr bestimmt genauso positiv zurückschauen können. Der Weg ist natürlich nicht einfach. Aber manche Dinge wollen an die Oberfläche und gesehen werden. Erst dann geben sie Ruhe.

    Ich wünsche dir von Herzen alles Gute!
    Julia

  • Liebe Julia, ich lese nun schon seit einiger Zeit bei deinem Blog mit und bei diesem Artikel musste ich jetzt einfach mal einen Kommentar abgeben! WOW! Für deine Ehrlichkeit und dein Durchhaltevermögen kann ich dich wirklich nur bewundern! Vor über einem Jahr ging es mir dank falschem Studiengang, Essstörung und was so zusammen fiel ähnlich und ich kann sagen dass meine Stunde Null auch vor einem Jahr war. Weshalb ich diesen Post unbedingt kommentieren wollte: Es war so schön zu lesen dass es nicht nur mir so ging dass eben mit dem Studienfachwechsel, einer Umorientierung und dem Annehmen von Hilfe zwar vieles aber eben nicht alles einfach so besser wird, der Schritt sich aber auf jeden Fall gelohnt hat 🙂

    Und überhaupt: ein großes Kompliment an deinen Blog! Gesunde Ernährung und Bewegung haben bei mir einen sehr hohen Stellenwert, mein Umfeld ist leider größtenteils eher so eingestellt, dass täglich Fleisch nicht verkehrt ist und wer mehr als einmal die Woche Sport treibt überdreht ist und überhaupt – gesunde Ernährung = Diätwahn (ja, sowas gibt's leider!!!). Das ist ziemlich schade weshalb es mir wirklich umso mehr Freunde macht deinen tollen Blog zu lesen! 🙂
    Liebe Grüße

    Mina

  • Hallo Mina,

    herzlichen Glückwunsch, dass du das erste Jahr nach der Stunde Null auch gemeistert hast! Auch, wenn sich bei mir so vieles verändert hat – vor allem im Inneren – und es nicht immer leicht ist, so würde ich um nichts in der Welt zurück wollen!

    Liebe Grüße
    Julia

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