Bis hierher und nicht weiter

Diesen Entschluss habe ich letzte Woche gefasst. Diesen Entschluss musste ich letzte Woche fassen. Auch wenn es ein sehr egoistischer Entschluss war. Aber ich musst es tun. Für mich.
Ich habe auch nicht gezögert, für meinen Entschluss einzustehen, auch wenn ich nicht genau vorhersagen konnte, welche Reaktionen es hervorrufen würde.
Ich wusste aber, dass ich auch mit den schlimmsten anzunehmenden Konsequenzen leben können würde.
Weil ich einen Punkt erreicht hatte, an dem es für mich nur noch heißen konnte: Bis hierher und nicht weiter.

Wer jetzt auf eine total dramatische Geschichte hofft, den muss ich wahrscheinlich enttäuschen. Denn so dramatisch es vielleicht für mich war, so belanglos wird es für jemand anderen sein. Aber so es nun mal im Leben: Die Grenzen der Belastbarkeit sind ganz individuell. Was den einen in die Erschöpfung treibt, lässt den anderen noch nicht einmal schwitzen.
Und in genau einer solchen Situation war ich eben. Natürlich habe und konnte ich darüber hier nicht offen schreiben, bevor ich es nicht an betroffener Stelle offen gelegt hatte. Da dies nun aber passiert ist, möchte ich hier gerne über das schreiben, was mich in den letzten Monaten zu einem wandelnden Zombie hat werden lassen.

Wie ich ja schon an der einen oder anderen Stelle geschrieben habe, hat es mich beruflich vor einigen Monaten in ein Projekt nach Wolfsburg verschlagen. Da ich aber meinen Wohnsitz und Lebensmittelpunkt in der schwäbischen Landeshauptstadt habe, wurde ich zu einem Berufspendler, der die Woche über in Wolfsburg und am Wochenende zuhause war. Das ist in meinem Beruf überhaupt nichts ungewöhnliches, das weiß ich. Aber ich hatte bislang einfach immer das Glück, dass meine Projekt entweder in unmittelbarer Heimatnähe waren oder meine Projekteinsätze außerhalb relativ kurz waren bzw. eine Regelung gefunden werden konnte, bei der ich nur für 1-2 Nächte die Woche unterwegs war. Eine solche extreme Entfernung (auch im Sinne der Reisezeit) musste ich eben noch nie zurücklegen und konnte daher auch nicht vorhersehen, dass dies zu einem wirklich ernsthaften Problem für mich werden würde. Aber das wurde es.

Ich habe bereits nach ein paar Monaten gemerkt, dass diese Reiserei für mich kein Dauerzustand sein kann (womit ich dabei ganz persönlich nicht zurecht kam, werde ich weiter unten noch beschreiben), und habe das Gespräch mit meinem Chef gesucht. Wir konnten uns in sofern einig werden, dass wir zusammen mit meinem Projektleiter vor Ort meine wöchentliche Anwesenheitszeit reduzieren konnten und ich von ihm zugesichert bekommen habe, dass er verstärkt nach einer Projektalternative in der näheren Umgebung sucht. Das war für mich zunächst alles eine große Erleichterung und hat mir gezeigt, dass es nie falsch sein kann, wenn man für sich selber einsteht. Die Reduzierung der Anwesenheit in Wolfsburg hat auch für einige Zeit bei mir für Entspannung gesorgt. Als sich wegen einer Projektalternative nach ein paar Woche noch nichts getan hatte und ich (mal wieder) ziemlich ungeduldig wurde, hat mir mein Papa den Kopf zurechtgerückt und mir klar gemacht, dass mache Dinge eben etwas mehr Zeit brauchen als das einem vielleicht lieb ist. Das hat mir wieder etwas Aufwind gegeben und für die folgenden Wochen kam ich wieder ganz gut mit der “Wolfsburg-Situation” klar.
Doch auch dann kam wieder eine Zeit, an der mich einfach nur noch alles angekotzt hat. Mir gingen immer die selben Gedanken durch den Kopf:

  • “Es ist doch völlig schwachsinnig, wenn die reine Anreise zur Arbeit 5-6 Stunden dauert.”
  • “Die Reisezeit ist, auch wenn ich sie teilweise fürs Arbeiten nutzen kann, völlig tote Zeit. Lesen, Musik hören, im Internet surfen kann ich auch zuhause.”
  • “Ich will abends in meinem Bett einschlafen, mit meinem Freund an meiner Seite.”
  • “Ich will abends mit meinem Freund persönlich über den Tag reden und nicht am Telefon.”
  • “Die Zeit nach dem eigentlichen Arbeiten abends in Wolfsburg ist für mich kein Feierabend wie er es zuhause wäre. Es ist immer noch irgendwie Arbeitszeit, denn sie trägt für mich nicht wirklich zur Erholung bei.”
  • “Meine ganzen Anstrengungen, die Umstände in Wolfsburg so erträglich wie möglich zu machen, sie so gut es geht an meine normalen Umstände zuhause anzupassen, sind alles nur Behelfslösungen und schlechte Kopien des Originals.”
  • “Ich will abends in meinen Kühlschrank schauen und mich dann spontan entscheiden und auswählen können, was ich essen möchte. Ich will auf meinem Sofa sitzen und nicht auf einem Hotelbett. Ich will frei entscheiden können, ob ich lieber ins Fitnessstudio gehen oder draußen eine Runde laufen will.”
  • “Ich will mich auch mal unter der Woche abends mit Freunden treffen können.”
    ”Kofferpacken ist Zeitverschwendung. Außerdem will ich mich nicht immer auf ein paar Sachen aus meinem Kleiderschrank beschränken müssen.”
  • etc. etc. etc.

Ich könnte noch ewig so weitermachen und mir würde immer noch ein weiterer negativer Punkt einfallen.

Mich dann wieder aus diesem Teufelskreis der Gedanken rauszuziehen hat jedes Mal wahnsinnig viel Kraft gekostet und hat nicht nur mich, sondern auch meine direkte Umwelt beeinflusst. Zudem sind die Zeitabschnitte, in denen dann wieder alles etwas erträglicher war, immer kürzer geworden, ich musste mich immer öfter aus dem Gedankensumpf befreien.
Irgendwann war alles nur noch Stress für mich. Packen war Stress (obwohl ich ja eigentlich schon sehr routiniert war), Anreise und Abreise war Stress, die Planung des Wochenendes war Stress, das Zuhause sein selber wurde irgendwann auch stressig, ob der ganzen Dinge, die ich unbedingt erledigen wollte. Erholung hat nicht mehr wirklich stattgefunden. Mein einziges Ventil war der Sport, auf den ich mich speziell an den Tagen in Wolfsburg gefreut habe wie ein Kind auf Weihnachten. Irgendwann haben dann auch die Schlafprobleme angefangen, mit der die Gleichgültigkeit meiner Arbeit gegenüber einherging. Ich habe mich nicht mehr gefreut, morgens zur Arbeit zu gehen. Schon gleich drei Mal nicht, wenn es ein Anreisetag war. Ich habe mich leer gefühlt, immer mit der Angst im Hinterkopf, dass es hoffentlich niemandem auffällt, dass ich nicht 100% gebe. Na, zumindest das Vertuschen meines Zustands, sowohl des seelischen als auch körperlichen, habe ich wohl ganz gut hinbekommen.

Ich habe schon öfter mit dem Gedanken gespielt, zumindest unter die Wolfsburg-Situation einen Schlussstrich zu ziehen, zu sagen, dass ich da jetzt nicht mehr hinfahre. Aber ich habe es mich nie getraut, weil ich Angst vor dem Echo hatte. Außerdem bin ich niemand, der andere im Stich lässt, wenn man weiß, dass man gebraucht wird. Und ich bin niemand, der einfach so das Handtuch schmeißt. Aber letzte Woche wurde mir klar, dass es nur diesen einen Entschluss geben kann. Und mir wurde auch klar, dass die Arbeit angefangen hat mich krank zu machen. Wenn man an einem Sonntagnachmittag in seiner Küche steht und plötzlich anfängt zu heulen, Magenkrämpfe bekommt und einem die Seele wehtut, weil man nicht gehen will, weil man einfach nur zuhause bleiben will, dann ist das doch ein Zeichen dafür, dass etwas schwer im Argen ist. Selbst die schlimmste Konsequenz, die ein sich Weigern, nochmals nach Wolfsburg zu fahren, haben könnte, nämlich dass ich gekündigt werde, hat mir dann keine Angst mehr gemacht.

Also habe ich es getan. Ich habe gesagt, dass ich kein weiteres Mal nach Wolfsburg fahren werde. Ich bin für meinen Entschluss eingestanden.
Und ich lebe noch.

Es wird viele geben, die meinen Entschluss nicht nachvollziehen können, die mit meiner Entscheidung nicht einverstanden sind. Manche werden sich vielleicht auch fragen, warum ich nicht einfach selber gekündigt habe.
Aber für mich ist nur wichtig, dass die Menschen, die mir wirklich etwas bedeuten, hinter mir stehen und mir mit Rat und Tat zur Seite gestanden haben und dies immer noch tun.
Und wenn ich selber wieder an meiner Entscheidung zweifle, dann rufe ich mir einfach in Erinnerung wie es mir noch vor 10 Tagen ging und dann fühlt es sich wieder richtig an.

Was jetzt wichtig ist, ist wieder in Balance zu kommen. Smiley

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1 Comment

  • Es heisst nicht umsonst:"Extreme Maßnahmen erfordern extreme Situationen"–oder war es umgekehrt—ist aber auch egal, denn das Resultat ist das gleiche!!! Blöd ist nur, dass man sich als pflichtbewusster Mensch dann nach Ergreifen der Maßnahme Selbstvorwürfe macht. "Wäre es nicht doch noch auszuhalten gewesen??–Hätte ich nicht doch länger durchhalten sollen???USW…."!!!!NEIN!!! Jeder weitere Versuch ist Energieverschwendung, denn die Energie benötigt man zum Aufbau einer neuen, besseren Lebenssituation!!! Wichtig ist nur der brennende Wunsch, sein Leben zu verbessern, um zuversichtlich in die Zukunft zu blicken. Das heisst auch: Niemals aufgeben oder resignieren und sich selber treu bleiben. Denn meistens ist das Glück nur einen Schritt. entfernt

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