Doppelmoral?

Ich hätte ja nicht geglaubt, dass ich zwei Mal innerhalb so kurzer Zeit mit dem Vorwurf der Doppelmoral bezüglich meiner Ernährungsweise konfrontiert werde. Genauer gesagt, mit der Doppelmoral, dass ich Tiere über Pflanzen stellen würde, da einer der Gründe, warum ich Tiere nicht mehr esse, ist, dass ich das Leid nicht akzeptieren kann, das Tieren bei der Mast und der Schlachtung wiederfährt.

Ich habe mir ehrlich gesagt noch nie darüber Gedanken gemacht, ob ich das eine Leben als wertvoller als das andere einschätze. Ich kann aber auch nicht leugnen, dass es mich emotional nicht so sehr berührt, wenn man einen Salat erntet, wie wenn man ein Tier schlachtet. Das eine kann ich mitansehen, das andere nicht. Wer das nun als Doppelmoral bezeichnen möchte, dem kann ich es nicht verbieten. Trotzdem hat mich dieser Vorwurf oder diese Fragestellung leicht aus der Fassung gebracht, da ich keine zufriedenstellende Antwort parat hatte und mich auch irgendwie angegriffen gefühlt habe.
Die zufriedenstellende Antwort hatte ich deswegen nicht parat, da ich immer noch nicht gewohnt bin, dass es passieren kann, dass ich mich für meine Ernährungsweise rechtfertigen muss und ich manche Fragen eben nicht aus dem Stehgreif mit einer logisch nachvollziehbaren Antwort bedienen kann. Angegriffen gefühlt habe ich mich glaube ich, weil ich nicht nachvollziehen kann, dass man mich deswegen zur Rechtfertigung zwingt oder mich mit für mich weit hergeholten Argumenten in die Ecke drängt. Es ist ja nicht so, als ob ich hier etwas offensichtlich Schlechtes oder Falsches für mich oder meine Umwelt tue. Ich laufe ja nicht rum und verkünde, dass ich Drogen nehmen würde und das eine tolle Sache sei! Im Gegensatz dazu gibt es ja genügend Argumente, die für eine Ernährung auf größtenteils oder ausschließlich pflanzlicher Basis sprechen, von gesundheitlichen Aspekten über Umweltaspekte bis hin zu moralischen und ethischen Aspekten.

Irgendwie scheint es den Personen, die Vegetariern eine solche Doppelmoral unterstellen, eine gewissen Befriedigung zu verschaffen, wenn sie einen soweit gebracht haben, dass man sagen muss: “Ja, da bin ich nicht ganz konsequent.” So nach dem Motto: “Ha, hab ich dich in deiner Doppelmoral ertappt!” Warum ist das so? Ist es, weil Menschen, die viel oder gerne Fleisch essen, das vielleicht auch noch industriell hergestellt wurde, eigentlich wissen, dass es besser wäre, darauf zu verzichten oder zumindest den Konsum einzuschränken und nur noch Fleisch zu kaufen, das nicht aus Massentierhaltung und industrieller Herstellung kommt? Ist das dann das “letzte Geschütz”, das sie auffahren müssen? Und mal ganz ehrlich: Welche menschliche Entscheidung ist denn auf Dauer nicht von Doppelmoral geprägt? Wenn jemand sagt, er trenne den Müll und habe einen Kompost, weil er was für die Umwelt tun möchte, dieser jemand aber Auto fährt und Fernreisen macht, ist das nicht auch Doppelmoral? Wenn jemand sagt, er spendet für Kinder in Not, aber der Pulli, den er trägt, durch Kinderarbeit hergestellt wird, ist das nicht auch Doppelmoral? Wenn jemand Fleisch ist, aber an seinem Haustier hängt, ist das nicht auch Doppelmoral?

Wenn man überhaupt jemandem Doppelmoral vorwerfen möchte, dann doch nur jemandem, der behauptet, sein Handeln sei perfekt und völlig konsequent, oder? Ich mache das aber nicht, da ich weiß, dass ich z.B. in Sachen Tierleid nicht ganz konsequent bin. Ich esse immer noch Milchprodukte und Eier. Ich achte hier zwar auf Bio-Qualität und habe meinen Konsum schon stark reduziert (sonst würdet ihr nicht so viele vegane Rezepte auf diesem Blog finden), da ich hoffe, das Leid hier etwas zu mindern. Aber natürlich kann man mir vorwerfen, dass ich weiterhin Tiere ausnutze. Ich habe auch Lederschuhe und –handtaschen, die ja auf jeden Fall von toten Tieren kommen, was somit die größte Inkonsequenz ist. Das weiß ich, aber so ist es eben. Und nun? Bin ich deswegen ein schlechter Mensch? Darf ich deswegen kein Vegetarier sein oder was? Auch wenn ich nicht ganz konsequent bin, so habe ich doch einige Dinge umgestellt, die meiner Meinung nach die Welt für mich ein bisschen besser machen. Auch wenn das nicht den großen Umschwung mit sich bringt, so haben meine Entscheidungen ihre Berechtigung. Wenn jeder ein bisschen was “besser” macht, dann kann das ganz schön viel bewirken.

Zum Schluss möchte ich nochmal auf den Vorwurf zurückkommen, für Vegetarier würden Tieren einen größeren Wert haben als Pflanzen. Ich habe mich dazu mal ein bisschen im Internet umgeschaut und ein paar interessante Stellungnahmen dazu gefunden, die ich sehr gut finde und sie euch daher nicht vorenthalten möchte:

  • Es geht nicht unbedingt darum, dass Tiere mehr wert sind als Pflanzen, auch wenn man sich Tieren oder bestimmten Tieren emotional vielleicht näher fühlt. Es sind alles Lebewesen und sollten mit Respekt behandelt werden.
  • Trotzdem ist das Leben immer von Nehmen und Geben gekennzeichnet. Man muss etwas essen, sonst kann man nicht leben, ergo kann man nie leben, ohne etwas anderes zu “zerstören”.
  • Mit der Entscheidung, WAS man isst, kann man beeinflussen, wie viel man “zerstört”. Daher muss die Frage lauten: “Wie schaffe ich es, möglichst wenig zu zerstören?”
  • Wenn man Fleisch isst, dann isst man indirekt alles, was notwendig war, um dieses Fleisch herzustellen. Das sind ja nicht nur die Pflanzen, die das Tier frisst (was letzten Endes mehr Pflanzen “zerstört”, als wenn man als Mensch anstelle des Fleisches pflanzliche Lebensmittel ist), sondern auch weitere Rohstoffe.
  • Wir Menschen sind gar nicht auf den Verzehr von Fleisch angewiesen. Wir sind keine Fleischfresser, wie z.B. Katzen oder Hunde. Man kann uns zwar als Allesfresser bezeichnen, da wir vieles, auch Fleisch verdauen können, aber am besten funktioniert unsere Verdauung für pflanzliche und ballaststoffreiche Nahrung. Fleisch braucht relativ lange, bis es vollständig verdaut wird. Daher haben auch so viele Leute Verdauungsprobleme.
  • Wir Menschen brauchen heutzutage das Fleisch nicht mehr, um genügend Essen fürs Überleben zu haben. Das war früher natürlich anders: Da war der vorbeihüpfende Hase vielleicht wirklich die einzige Alternative, die es gab. Wir haben eine solche Fülle an Lebensmitteln, auch an pflanzlichen, wie es sie noch niemals gab – und das sogar, wenn man auf regionale und saisonale Produkte zurückgreift.

Wir sind also nicht auf Fleisch angewiesen und können heute in Anbetracht der ganzen negativen Auswirkungen, die Massentierhaltung, industrielle Fleischproduktion und der ganze Rattenschwanz, der da mit dranhängt, haben, klügere Entscheidungen treffen, die nicht nur besser sind für unsere Gesundheit, sondern auch noch besser für unseren Planeten.
Ich finde, das ist eine doch eine gute Sache, oder? Smiley

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2 Comments

  • Hallo Julia,

    interessantes Thema!
    Der Vorwurf der Doppelmoral bezieht sich zum einen sicher genau auf die Sachverhalte, die Du beschreibst.
    Für mich spielt jedoch auch folgender Aspekt eine Rolle:
    Es lässt sich nun mal nicht leugnen, dass eine nachhaltige Lebensweise/Ernährung einer DER aktuellen Trends ist. Die heutigen LoHaS gelten als hip und trendy und müssen weniger gegen Vorurteile kämpfen, als Leute, die vor 10, 15 Jahren als „Körnerfresser“ oder „Ökos“ belächelt wurden.
    Auch ist es heute viel bequemer ein „Öko“ zu sein: Bio-Supermärkte schießen wie Pilze aus dem Boden, jeder normale Supermarkt verkauft „Bio-Produkte“, es gibt unendlich Literatur und Filme zu dem Thema. Jede Halsabschneider-Kaffee-Kette schenkt Fair-Trade-Kaffee aus und backt in seine Muffins faire Bio-Schokolade. Und der Verbraucher nimmt es dankend an, einfach weil es dem eigenen Gewissen so gut tut, da zahlt man auch gerne mal ein bisschen mehr…

    Was mich aufstößt, ist die Tatsache, dass sich einige dieser LoHaS das Etikett umhängen, etwas für die Umwelt tun zu wollen obwohl es vielen von ihnen aus meiner Sicht vordergründig ausschließlich um sie selbst geht:
    „ICH will mich besser ernähren weil es MIR dann besser geht.“
    Das man dann quasi ganz nebenbei auch noch etwas für die Umwelt tun kann, ist ein schöner Nebeneffekt und beruhigt das eigene Gewissen zusätzlich.
    Wenn Menschen im Grunde nur Ihren Hedonismus ausleben, nach außen aber „höhere“ Motive (z.B. Umweltbewusstsein) kommunizieren, dann ist das ebenfalls Doppelmoral.
    Genauso wie es Doppelmoral ist, wenn man die selbstauferlegten Regeln mal eben über Bord wirft, wenn das eigene Umweltbewusstsein dann doch mal hinderlich oder zu teuer ist.

    Vegetarier zu sein ist absolut legitim, auch dann, wenn man es in erster Linie für sich selbst und nicht für die „armen Tiere“ tut. Man sollte nur dazu stehen.

    Vielleicht ist das der Grund, weshalb kritische Mitmenschen eben einen „Beweis“ oder eine Rechtfertigung von denjenigen fordern, die ihr nachhaltiges Handeln offensiv kommunizieren. Ich kann das sehr gut nachvollziehen, auch wenn ich weder Dir noch der „Gegenseite“ hiermit irgendwas unterstellen will.
    Bei vielen Leuten weiß man aktuell nur einfach nicht, ob sie einen Trend mitmachen oder bei ihnen wirklich ein langfristiges Umdenken stattgefunden hat. Wenn Du die nächsten Jahre (oder noch besser: den Rest Deines Lebens 🙂 dabei bleibst, werden die Unkenrufe auch verstummen. Bis dahin wird Dich sicher noch der ein oder andere „angreifen“.
    Das ist sicher eine normale Reaktion, v.a. bei Menschen, die Dich auch „davor“ schon kannten. Und das soll bestimmt kein Angriff sein. Es hilft Dir ja aber auch, Dich selbst in Frage zu stellen, immer wieder zu reflektieren, was Du tust und was Deine wahren Motive dafür sind.

  • Wow, vielen Dank für die ausführliche Reaktion auf meinen Beitrag!

    Ich denke, dass die meisten Menschen doch in der Regel Dinge für sich selber tun, egal welche sonstigen "größeren" Gründe vorgeschoben werden. Es gibt wenige wirklich selbstlose Menschen. Das ändert sich vielleicht, wenn man Kinder hat, da man glaube ich am ehesten für die eigenen Kinder selbstlos handelt. Ich würde daher nicht so weit gehen, das als Hedonsimus zu bezeichnen, denn es ist doch nichts schlimm daran, etwas für sich selber zu tun, damit es einem besser geht.

    Ja, natürlich sind "Bio" und "öko" gerade eine Trend und daher einfacher zu realisieren. Für mich hört sich das so an, als ob das für dich negativ sei. Nur, weil etwas zum Trend wird, wird es doch nicht schlechter oder besser. Und manchmal muss jemand auch einfach erst mal eine Weile auf der Trendwelle mitschwimmen, bevor eine grundlegendes Umdenken stattfindet. Wenn es um eine gute Sache geht – und ich denke, eine gesunde Ernährung und umweltschonenderes Handlen, sind eine gute Sache -, dann sollte doch jeder kleine Beitrag etwas Wert sein.

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